Europa als »Werteraum«

Im deutschsprachigen Raum ist sein Name vor allem Stefan-Zweig-Lesern ein Begriff: Der österreichische Dichter hat seinen französischen Kollegen – heute würde man salopp sagen – „gepusht“, hat ihn in deutschen Landen „gemacht“. Zweig sprach gerne vom „Atmosphärischen“ in Romain Rollands Wesen, er verstieg sich gar zum euphorischen Begriff des „Rollandismus“. Und das in einer Zeit, als zwischen dem französischen und dem deutschen Kulturraum ein tiefer Graben klaffte.
Wiener Zeitung, 23. Jänner 2016
Fünfzehn Lebensjahre trennten Stefan Zweig von Romain Rolland. Ein Vater-Sohn-, ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, könnte man von Seiten Zweigs erwarten. Doch es war mehr: Zweig adorierte Rolland. Er sah in ihm den großen humanistischen Vermittler zwischen den verfeindeten Fronten, den strahlenden Friedensapostel in Zeiten des Krieges. Zweig war begeistert, dass des Franzosen Heroen Beethoven, Wagner und Goethe hießen – und dass er deren Sprache so gut beherrschte. Es waren Rollands europäische Gedanken, die die beiden Schreibenden jahrzehntelang aneinander schmiedeten.
Doch aller Innigkeit zum Trotz – von Zweig sind 520 Briefe an Rolland, 277 von Rolland an Zweig bekannt – war es die
Politik, die sich letztlich zwischen die beiden Schriftsteller drängte.
Politisches Engagement, De-Eskalations-Gedankengut und ein tiefer Glaube an ein friedliches Europa beherrschten das Œuvre Rollands. Dass er zugleich als Musikkritiker und Kunsthistoriker arbeitete, vervollständigt das Charakterbild dieses Rastlosen (der übrigens ein Schlafloser war: mehr als vier Stunden Nachtruhe kannte er nicht. Sein Geist blieb zwanzig Stunden lang tätig, auch wenn der Körper dann so erschöpft war, dass er sich nicht einmal mehr zu einem Spaziergang aufraffen konnte. . .).
Ein Humanist
Rollands biographische Daten markieren den Lebensweg eines in bürgerlichen Verhältnissen Herangewachsenen, der rasch zum geistigen Revolutionär mutierte: Rolland, geboren am 29. Jänner 1866 im burgundischen Clamecy, war der Sohn eines wohlbestallten Notars. Man ließ dem Kind eine humanistische Erziehung angedeihen. Vor allem der klassischen Musik war der Jugendliche verfallen. Dennoch errang er nach der École normale supérieure vorerst die Lehrbefugnis für das Fach Geschichte.
Europa nicht als »Lebens-« sondern als »Werte-Raum«
Schon früh sah Rolland den Kontinent Europa weniger als „Lebens-„, denn als „Werte-Raum“. Damit stellte er sich gegen den intellektuellen Mainstream seines Landes, denn Frankreich war nach der militärischen Niederlage von 1870/71 in seinem nationalen Selbstwertgefühl getroffen und erniedrigt. Man suchte nach neuen, identitätsstiftenden Idealen im Land: Der verlorene Krieg hatte auch die Gläubigkeit der Menschen zerstört, „die einen gingen zu Rudolf Steiner, die anderen zu Freud. . .“ bemerkte Stefan Zweig. Manche fanden sich bei Rolland.
Der strebte zwar zeitlebens harmonische, versöhnliche Gedanken an – doch fand er sie nicht in der Realität. Eher schon in der Welt der Musik. Er komponierte selbst, veröffentlichte aber nie eine Note. An der Pariser Sorbonne hielt er Vorlesungen über Musikgeschichte und er dissertierte über die Ursprünge der Oper in Europa vor Lully und Scarlatti. Manch ein Zeitgenosse sah in ihm einen enzyklopädischen Menschen, „gefangen im gläsernen Sturz seiner Intellektualität“ (Stefan Zweig).
»Wir sind die beiden Flügel des Abendlandes«
In Rom lernte der schöngeistige junge Mann die Schriftstellerin Malwida von Meysenbug kennen – vom Alter her gesehen ein sehr ungleiches Verhältnis, doch die 50 Jahre ältere Frau akzeptierte den jungen Poeten sofort. Beide brachten dem sozialistischen Gedankengut Sympathie entgegen. Die emanzipatorisch denkende Salon-Dame, die einst mit Friedrich Nietzsche und Richard Wagner befreundet war, nahm Rolland sogar mit zu den Wagner-Festspielen nach Bayreuth!
Nach einer Beethoven-Biographie begann Rolland 1897 mit seinem zehnbändigen Roman „Jean-Christophe“. Dessen Titelheld ist just ein deutscher Musiker, der sich in einer modernen Welt namens „Europa“ zurechtfinden muss. Es war Rollands Roman-Bekenntnis zur europäischen Einheit, das eine Verständigung zwischen den Völkern germanischen und romanischen Geistes anstrebte: „Wir sind die beiden Flügel des Abendlandes“, zog er einen Vergleich. Sei auch nur ein Flügel gebrochen, so gelänge kein Flug mehr.
Just für „Jean-Christophe“ erhielt Rolland 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, und als dritter Franzose, den Nobelpreis für Literatur. Das Preisgeld stiftete er sogleich dem Rotem Kreuz, für das er in Genf tätig war.
Doch das brachte ihm so wenig Freunde ein, wie die Tatsache, dass er, für das Militär untauglich, die Kriegsjahre in der
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friedlichen Schweiz verbrachte. Aber auch abseits der Schützengräben war Rolland tief erschüttert und verletzt vom barbarischen Kriegsgeschehen. Der Weltkrieg bedeutete für ihn den „Suizid Europas“.
Er sah den Krieg als Konkurs der europäischen Zivilisation. Unermüdlich schrieb er gegen ideologische Verblendung und Verantwortungslosigkeit. Seine zahlreichen, appellierenden Schriften erschienen unter dem Titel „Au-dessus de la mêlée („Jenseits des Schlachtengetümmels“).
Der ursprüngliche Titel hatte noch „La Haine“ (Der Hass) gelautet. Denn für Pazifisten hatte man damals kein Ohr. In seinem Heimatland schimpfte man Rolland einen Verräter; Apollinaire vermeint, in Rollands Schriften jemanden zu erkennen, der „fast zu Gunsten der Deutschen“ schreibe. In Deutschland nahm man ihn freilich (fast) gar nicht zur Kenntnis.
Immerhin: Albert Einstein sicherte ihm 1915 brieflich seine Unterstützung und Solidarität zu: „Möge Ihr herrliches Beispiel andere treffliche Männer aus der mir unbegreiflichen Verblendung aufwecken, die wie eine tückische epidemische Krankheit auch tüchtige und sonst sicher denkende und gesund empfindende Männer gefesselt hat! Sollen wirklich spätere Jahrhunderte unserem Europa nachrühmen, dass drei Jahrhunderte emsigster Kulturarbeit es nicht weiter gefördert hätten als vom religiösen Wahnsinn zum nationalen Wahnsinn?“
Rolland ließ sich ohnehin nicht irritieren. Er hielt sich an sein großes Pazifismus-Vorbild, von dem er sogar einen seitenlangen Brief in Händen hielt: Es war dies niemand Geringerer als Leo Tolstoi. Ihm hatte der junge Zweifler und Denker in einer dunklen Stunde einst geschrieben, und nach Wochen kam aus Russland tatsächlich die detaillierte, seitenlange, handschriftliche Antwort!
Liebe zu Russland
Zeitlebens, insbesondere nach der Revolution 1917, fühlte sich Rolland Russland nahe. Er agierte sogar in der sogenannten „Dritten Internationalen“ (Komintern), die 1919 in Moskau gegründet worden war, seine Sympathien galten der jungen UdSSR. Schon 1917 hatte Rolland eine Grußadresse an das revolutionäre Regime in Moskau übersandt – und noch im selben Jahr erreichte ihn eine Einladung Lenins nach Russland. Er folgte dieser damals nicht, was er später bereute.
Rolland engagierte sich im Westen in der Antikriegs- und Arbeiterbewegung. Er feilte an einer „proletarischen Kunst“, denn er war überzeugt, dass die in der Literatur vorherrschende bürgerliche Thematik die arbeitende Klasse nicht ansprechen könne. So ging er einen neuen, seinen Weg, indem er die religiösen Ideen Tolstois mit den sozialpolitischen Forderungen von Jean Jaurès zu verbinden suchte.
Im Dialog mit Freud
Von März 1923 bis Februar 1936 korrespondierte Rolland mit Sigmund Freud. Im Gedankenaustausch mit dem Begründer der Psychoanalyse entwickelte Rolland den Begriff des „ozeanischen Gefühls“, den er als Zustand im Einklang mit dem Universum verstand. Sein politisches Engagement wurde zunehmend von philosophischen und psychologischen Erwägungen – wenn nicht überlagert, so doch ergänzt. Am Genfersee war Rolland Mahatma Gandhi begegnet, dessen Gewaltlosigkeit ihn tief beeindruckt hatte. Er beschäftigte sich mit indischer Philosophie und widmete Gandhi ein Buch. „Transzendenz“, so war Rolland überzeugt, „entsteht nur durch ein Werk“.
1935 bereiste Rolland, trotz gesundheitlicher Probleme, schließlich Russland, diesmal auf Einladung Maxim Gorkis. In Moskau wurde der Schriftsteller von Josef Stalin persönlich empfangen – als „Vertreter der französischen Intellektuellen“. Rolland verglich den Diktator danach mit Augustus, dem ersten Kaiser des Römischen Reiches. Erst nach Stalins Schauprozessen und dem Hitler-Stalin-Pakt kühlte Rollands Empathie zum kommunistischen Russland merklich ab. Von seiner russischen Übersetzerin, die er geheiratet hatte, trennte sich Rolland wieder.
Resignation
Während des Zweiten Weltkrieges schien Rollands politisches Engagement stark gebremst. Hatte er resigniert? Rolland starb 1944, kurz nach der Befreiung Frankreichs. Die glühende Geistesfreundschaft zu dem bereits 1942 verstorbenen Stefan Zweig war schon seit längerem abgekühlt.
Stefan Zweig, der den „Jean-Cristophe“-Roman 1912 im Berliner Tagblatt mehr als ein „ethisches denn ein literarisches Ereignis“ rezensiert hatte, der den Freund 1924 nach Wien eingeladen hatte zu den Feierlichkeiten zu Richard Strauss’ 60. Geburtstag, der mit ihm gemeinsam zum Händel-Festival nach Leipzig und zum Goethe-Haus nach Weimar gepilgert war, war eben doch ein „Deutscher“, und Rolland Franzose. Der aufkeimende Nationalsozialismus stand absurderweise zwischen den beiden Pazifisten.
»Sie gehen zu milde mit dem Hitler-Faschismus um…«
1933 hatte Rolland Stefan Zweig wissen lassen: „Sie gehen zu milde mit dem Hitler-Faschismus um. Dieser wird mit Ihnen nicht milde sein.“ 1935 schrieb Zweig an seine Ehefrau Friederike, Rolland sei ihm „alt und müde erschienen, enttäuschend“.
Enttäuschend? Rolland war enttäuscht! Wieder war ein Krieg im Kommen. Und die Zeit gab einer seiner Maximen, „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“ Recht. Ein Slogan, der sich nicht sofort erschließt, aber in komplexen Situationen greift. Rolland konnte es auch griffiger ausdrücken: Als engagierter Tierschützer meinte er: „Der Mensch, der soviel Leiden schafft – welches Recht hätte er, sich zu beschweren, dass er selbst leidet?“