
Annäherung. Das Stefan-Zweig-Zentrum und ein Spaziergang erinnern an den bedeutenden Schriftsteller, der einst auch in Salzburg lebte. Man erfährt von seinen Lederhosen über das Schachspiel bis hin zu Dissonanzen so einiges am Weg.
Die Presse, 8. Jänner 2026
Stefan Zweig, erzählt der Führer, wollte kein Radio im Haus. Er war sogar verstimmt, wenn sein Mieter laut Radio hörte. Der Dichter zog es vor, abends von seinem Haus am Kapuzinerberg die Kreuzweg-Stiegen hinunter in die Stadt zu gehen, um im Café Bazar, Tisch Nummer Sieben, die Zeitungen zu lesen.
Unter Seinesgleichen war er nicht ungesellig, pflegte Künstler-Freundschaften und lud in seine Salzburger Villa ein, die er nach dem Ersten Weltkrieg für 15 Jahre bewohnte. Arturo Toscanini und Bruno Walter waren hier zu Gast. Zweig machte auch selbst Besuche – Carl Zuckmayer traf er in dessen Haus in Henndorf. Der Stefan-Zweig-Spaziergang ist freilich auf die Stadt Salzburg begrenzt. Er soll keine Literatur-Vorlesung ersetzen. Gewollt ist eine Annäherung an die Person des Künstlers. Wir kommen durch die sogenannte „Schatz-Passage“. Hier ging Zweigbei Alois Jungmair zum Friseur. Gleich daneben, bei Jahn-Markl, bezog er seine Lederhose, und bei „Mora“ kaufte er die Bücher.
Hofmannsthal mochte Zweig nicht
Im Café Mozart in der Getreidegasse spielte Zweig mit seinem Freund Emil Fuchs Schach. Nicht willkommen war seine Mitarbeit bei den Festspielgründern Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal. Man könnte meinen, die beiden hätten einen so prominenten, noch dazu in Salzburg ansässigen Kollegen freudig als Ideengeber begrüßt. Das Gegenteil war jedoch der Fall: Hofmannsthal soll sogar ausdrücklich Zweigs Abwesenheit vom Spielplan zur Bedingung seiner Anwesenheit gemacht haben.

Auch von anderen Dissonanzen erfährt man beim „Zweig-Spaziergang“, etwa gleich zu Beginn am Residenzplatz: Hier wurden im Zuge der NS- Bücherverbrennung auch praktisch alle Werke von Zweig vernichtet. Auf jenen Residenzplatz wird bald das Stefan Zweig-Zentrum von seinem derzeitigen Standort am Mönchsberg übersiedeln. „Wenn alles nach Plan läuft“, verrät die Leiterin, Martina Wörgötter, „werden wir nächsten Herbst in die Neue Residenz einziehen und können dann das Stefan Zweig Haus mit den Abteilungen Stefan Zweig Zentrum und Literaturarchiv Salzburg im Frühjahr 2027 dort eröffnen.“
Bis dahin laufen zahlreiche, bildhafte Aktivitäten, die Zweigs Leben und Werk illustrieren. So bietet Maroine Dib, unser viersprachiger Fremdenführer, seine „Zweig-Spaziergänge“ an. Er hat dafür einen Zweig-Salzburg-Plan gezeichnet und mit Nummern und Bildlegenden versehen. Dib, in Syrien geboren, hat Architektur studiert, am Opernhaus in Zürich als Bühnenbildner gewerkt. Und er wirkt als Zeichner. Oder doch als Karikaturist? Nicht nur literarische, auch die bildnerischen Ideen gehen auf Initiativen des Zweig Zentrums zurück, das zur Universität Salzburg ressortiert.
Zweigs Konterfei und das seiner berühmten Zeitgenossen kann man derzeit nicht nur aus der Feder Maroine Dibs bewundern. Auch aus einer Graphic Novel, einem Genre, das um 1940 aus den USA nach Frankreich „importiert“ wurde, blicken uns Zweig, seine Eltern, Sigmund Freud, Joseph Roth und deren Zeitgenossen an.
Eine Kurzform der „Welt von gestern“
Zeitgleich mit der Ankunft dieser Comic-Art in Europa entstand auch Zweigs Abschiedswerk „Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers“. Er schrieb es zwischen 1939 und 1941 im Exil, ohne Zugriff auf seine Bibliothek. Bettina Egger, polyglotte Tirolerin, hat das Buch „drei bis viermal gelesen“, traf dann die Auswahl der Szenen und machte sich „mit Bleistift und Feder“ an die Illustration ihrer Kurzform des Buches. So sind 160-Graphic-Novel-Seiten entstanden. Eine Auswahl ist derzeit im Stefan Zweig Zentrum ausgestellt. Ein Vorgeschmack. Das komplette Buch wird 2026 auf Französisch und Deutsch erscheinen. Warum gerade auf Französisch? Maroine Dib hat hat aus seinem Erfahrung als Stefan–Zweig–Vermittler und Fremdenführer eine mögliche Erklärung parat: „Die Franzosen lieben Zweig, es liegen zahlreiche Übersetzungen vor. Sie kommen auch gerne auf Zweig-Spaziergänge, beispielsweise während der Mozartwoche im Jänner.“
Dass Zweig, wiewohl großzügiger Unterstützer von Kollegen und bekennender Humanist, als „geborener Millionär, der durch das Schreiben auch noch sehr viel Geld verdiente“ mit Neidkonfrontiert war, verschweigt der Fremdenführer nicht. Ebenso eckte Zweig mit seinem Pazifismus an. Wörgötter erklärt: „Zweigs Pazifismus ist sehr stark mit ganz konkreten historischen und persönlichen Lebensphasen verbunden und insbesondere geht es bei seinem Pazifismus um den europäischen Zusammenhang, um eine friedliche Einheit in der Vielfalt Europas. Vor dieser Folie ist es tatsächlich interessant, sich die Frage zu stellen, ob der Pazifismus vor der Bedrohung eines Europas der Autokraten oder einer von Trump und Putin zerschlagenen EU wirklich so unbedingt sein könnte.“
Die fehlende Wertschätzung
Jede Betrachtung von Zweigs Persönlichkeit tangiert immer wieder die Politik. Auch stellt sich die Frage, ob denn Zweig, der diskrete Poet – in „Die Welt von gestern“ bleibt vieles abstrakt – mit dieser visuellen Konkretisierung seiner Person einverstanden gewesen wäre. Wörgötter: „Es ist natürlich gut vorstellbar, dass Zweig dem Rummel um seine Person skeptisch oder ambivalent gegenüberstehen würde. Zugleich hat er zu Lebzeiten, als junger Schriftsteller in Wien, damit gehadert, dass er ,zu Hause’ nicht dieselbe Anerkennung bekommen hat, wie das schon sehr früh international der Fall war. Die Wertschätzung heute in Salzburg hat noch eine andere wichtige
Dimension mit Blick auf die Tatsache, dass Zweig ab 1919 seinen Lebensmittelpunkt in dieser Stadt hatte und von hier aus den Aufstieg der Nationalsozialisten beobachten musste. Salzburg ist ja auch die Stadt, von der aus er ins Exil ging.“