Die Umbaupläne in Salzburgs Festspielhäusern


Blick ins Auditorium (Fotos: M. Schlögl)

Lokalaugenschein mit Festspiel-Finanzchef Lukas Crepaz

Warum der Festspielbezirk in den kommenden Jahren zur Großbaustelle wird.

Die großen Umbauprojekte der Salzburger Festspiele haben längst begonnen. Das neue Besucherzentrum wird bald fertig. Demnächst geht es an die Sanierung des Großen Festspielhauses. Dieser Tage meldete sich Unesco-Lehrstuhlinhaber Kurt Luger zu Wort und ortete mit Verweis auf das „Weltkulturerbe“ erhebliche „Eingriffe in die Integrität des Neutortunnels“. Dem entgegnen die Festspiele, diese „Integrität“ sei längst durch Baumaßnahmen wie die Oberleitungen für den öffentlichen Verkehr (1914) und Spritzbetoneinkleidung wegen Steinschlaggefahr (2009) „zerstört“ worden.

Bis zu 850.000 Besucher im Jahr

Lukas Crepaz, kaufmännischer Direktor der Festspiele, erläuterte bei einem Lokalaugenschein, worum es bei diesem ambitionierten Umbauprojekt überhaupt geht. Er führte uns in den hinteren Bühnenbereich des Großen Festspielhauses, jenseits des Vorhanges, der sich alljährlich im Sommer über dem Festspielgeschehen öffnet, aber auch unter dem Jahr für zahlreiche Veranstaltungen von Pop bis Adventsingen. „Bis zu 850 000 Besucher frequentieren die drei Häuser, Großes Festspielhaus, Haus für Mozart und Felsenreitschule jährlich“, weiß Crepaz zu berichten.

Nach einem Blick von der Bühne aus in den gar nicht so riesig wirkenden Zuschauerraum (er faßt mehr als 2100 Plätze!) öffnet Crepaz, Herr über die Salzburger Zahlen- und Budgetwelt, eine kleine Metalltüre im hintersten Bereich: Sofort strömt eiskalte Luft herein. Wir stehen unmittelbar vor einer Felswand. Lediglich aus einem kleinen Spalt über uns dringt eine Ahnung von Tageslicht herein.

Schon die Fürsterzbischöfe haben den Mönchsberg für ihre Bauprojekte »angeknabbert«.

Als das Festspielhaus 1960 eröffnet wurde, hatte man dem Mönchsberg mittels Sprengungen Platz abgetrotzt. Das Gestein ist stabil und erlaubt den Abbau für Architekturprojekte. Schon die Fürsterzbischöfe haben den Mönchsberg für ihre Bauvorhaben „angeknabbert“ und anstelle der felsigen Gesteinsmassen Raum gewonnen.

Entwickelt hat sich die schroffe Bergformation – die heute inmitten der Unesco-Weltkulturerbe-Altstadt Salzburgs thront – in der vorletzten Eiszeit vor etwa 300.000 Jahren durch Ablagerungen von Gletscherflüssen. Der angrenzende Festungsberg entstand vor etwa 200 Millionen Jahren aus weitaus härterem Gestein und hat den Mönchsberg am Ende der letzten Eiszeit vor dem Wegschwemmen geschützt.


Neues »Begegnungszentrum«

Beim Rundgang kommen also auch andere als künstlerische Gedanken auf. Dass Kunst Infrastruktur und Platz braucht, ist nicht neu: Clemens Holzmeister hat aus dem ehemaligen fürsterzbischöflichen Marstall samt Reitschule einst das Zentrum des Festspielbezirkes geformt. Der künstlerische Leitstern hieß damals Herbert von Karajan. 1960 wurde das Große Festspielhaus eröffnet. Nicht nur den Holzmöbeln und dem Plastikboden im Garderobenbereich sieht man das stilistisch an. Doch hat sich, so Crepaz, ein gewaltiger technischer Innovationsrückstau gebildet. Um weiterhin zu spielen, müsse man handeln, lautet die Devise für Teil eins der Investitionen.

Der letzte Baustein der 100-jährigen Baugeschichte…

Was jetzt baulich alles ansteht bzw. anstünde, sei der „letzte Baustein der 100-jährigen Baugeschichte“, lehrt die Homepage „Festspielbezirk 2030“. Das klingt nicht nur nach den notwendigen Sanierungsarbeiten, die jedes Haus zu bewältigen hat – international steht die Sanierung von technischer Infrastruktur, Werkstätten und Bühnentechnik in vielen Theatern aus der Nachkriegszeit an – sondern nach einer umfassenden Lösung für die nächsten Jahrzehnte, von der allerdings das Publikum nicht viel zu sehen bekommen wird.

Kulissen-Aufbau – Blick von der Bühne in den Zuschauerraum.

„Für die erste Phase sind 395 Millionen Euro vertraglich gesichert, hiervon 40 Prozent vom Bund, von Land und Stadt je 30 Prozent“, erläutert Crepaz.

Abrißpläne und eine Fräse im Berg

Wofür? Das Vorhaben ist dreigeteilt: Der erste Abschnitt, die Errichtung eines Glaspavillons und Veranstaltungssaals hinter der Pferdeschwemme, dort, wo sich das Café Niemetz befand, ist privat finanziert, von Hans-Peter Wild, der dafür 12 Millionen Euro locker machte. Dieses Festspielzentrum soll als Begegnungsraum heuer eröffnet werden.

Crepaz erläutert weiter: „Wir betreiben backstage Werkstätten für 65 verschiedene Berufsgruppen, von der Schlosserei, Tapeziererei, über den Malsaal, die Maske und Schneiderei.“ Hier gehe es um Arbeitsschutzgesetze und sicherheitstechnische Standards. „Diese Modernisierungen und Flächenerweiterungen brauchen wir, um weiterarbeiten zu können.“ Zwei Gebäudeteile aus den 1960er-Jahren, situiert in dem durch den Berg eng begrenzten Hofbereich, sollen vollkommen abgerissen und durch ein neues, größeres Werkstättengebäude ersetzt werden.


„Erhalt der Spielfähigkeit“

In einem weiteren Schritt geht es um eine Neuorganisation, daraus folgend um eine „neue Dimension“ für Salzburg: Probensäle für Orchester und Chor sollen im Berginnern entstehen (diesmal nicht durch Sprengung, sondern durch Fräsarbeiten wie beim U-Bahn-Bau), denn eine Aufstockung der vorhandenen Gebäude in der Hofstallgasse ist im Weltkulturerbe-Ambiente nicht möglich.

4.500 Mitarbeiter im Sommer

Im Zuge dieser Arbeiten wird es notwendig sein, den Neutor-Tunnel zu sperren – in der Folge soll für die Optimierung der Logistik direkt aus dem Tunnel ein neuer Transportweg entstehen, wodurch der Lieferverkehr in der Hofstallgasse und die damit verbundenen Sicherheitsrisiken der Vergangenheit angehören sollten.

Es geht, so Crepaz, um „den Erhalt der Spielfähigkeit in den Festspielhäusern“. Kunst brauche Platz, lautet das Argument. Denn für die Festspiele arbeiten 250 Personen das ganze Jahr über, der Personalbestand erweitert sich sprunghaft auf 4.500 Mitarbeiter im Sommer. Auch in wahrlich krisenhaften Zeiten, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, habe man Entscheidungen für die Kunst großzügig getroffen. So sei der Beschluss für den Bau des Großen Festspielhauses noch vor der Unterzeichnung des Staatsvertrages getroffen worden, argumentiert Crepaz.

Amortisierung in fünf Jahren

Die Festspiele spülen laut einer Wertschöpfungsstudie jeden Sommer 96 Millionen an Steuern und Abgaben retour in die öffentlichen Kassen und lösen pro Jahr eine Wertschöpfung von 250 Millionen Euro aus. Das Gesamtkonzept mit geplanten Kosten von 395 Millionen Euro hat die Welterbe-Verträglichkeitsprüfung bestanden. Dennoch weckt es auch kritische Stimmen. Die dritte geplante Bauphase, das Haus für Mozart und die Felsenreitschule betreffend, ist mit weiteren 86 Millionen budgetiert, die noch nicht verhandelt sind und auch bautechnisch getrennt behandelt werden können.

Der Kulissenaufzug

Mit 35 Millionen schlagen sich weiter Kosten nieder: für die Anmietung von Interimswerkstätten und Proberäumen und für den Ersatz für das Große Festspielhaus, das zwei Saisonen nicht bespielbar wäre…
Mit den jährlichen Rückflüssen an die öffentliche Hand würde sich das Projekt Festspielbezirk 2030 innerhalb von knapp fünf Jahren amortisieren, sagt Crepaz.

»Dann wären die Festspiele auf dem Stand des 21. Jahrhunderts!«

Es wäre dann technisch alles „auf den Stand des 21. Jahrhunderts“ gebracht und die Arbeitsbedingungen wären optimiert. Das Publikum würde dann wieder wie gewohnt empfangen werden können. Die Klimaanlage wurde zwar schon bei der Errichtung nachhaltig geplant, durch den aus dem Fels kommenden „Almkanal“, aber sie soll ebenfalls effektiver werden – ein Vorteil für heiße Sommer.

Auch eine optische Überraschung wird die Festspiel-Gäste erwarten: Durch eine restauratorische Sanierung wird das Große Festspielhaus nach der Zwangspause wieder im Ursprungskonzept von Clemens Holzmeister erscheinen. Es geht um den Katharsis-Gedanken, den der Architekt durch das Eintauchen in eine gänzlich andere, dunkel gehaltene Welt beim Eintritt provozieren wollte. Unter Karajans Nachfolger Gerard Mortier veränderte sich dieser Effekt deutlich. Nun ist eine ästhetische Rückbesinnung vorgesehen.